Donnerstag, 9. April 2020, 17 Uhr
Online-Präsentation der Neuerwerbungen des n.b.k. Video-Forums 2019: Screening I.

Aufgeteilt in zwei Screenings, präsentiert der n.b.k. eine Auswahl der Neuerwerbungen des n.b.k. Video-Forums.


Screening I.
Donnerstag, 9. April, 2020, 17 Uhr, bis Sonntag, 3. Mai, 2020, 23 Uhr

Mit Videoarbeiten von John Bock, Pauline Boudry / Renate Lorenz, Eduard Constantin, Antje Ehmann / Eva Stotz, Clarissa Thieme

Gesamtlänge: 110 min


Antje Ehmann / Eva Stotz
Labour in a Single Shot: Marseille.
Portrait of a city composed by Labour-in-a-Single-Shot films,
2018
HD-Video, Farbe, Ton, 36:13 min

Antje Ehmann (*1968 in Gelsenkirchen, lebt in Berlin) ist Kuratorin, Autorin und Künstlerin. Sie realisierte zahlreiche Ausstellungen, künstlerische Projekte und Publikationen zur Geschichte des Films und zur Stadtentwicklung. Bis zu seinem Tode im Jahr 2014 arbeitete Ehmann auch gemeinsam mit dem Filmemacher und Autoren Harun Farocki, mit dem sie 2011 das seriell angelegte Projekt
Labour in a Single Shot (Deutsch: Eine Einstellung zur Arbeit) initiierte. Eva Stotz (*1979 in Isny, lebt in Berlin) ist eine Dokumentarfilmerin und Regisseurin, die in ihren Arbeiten u. a. Fragen nach den Auswirkungen der Globalisierung stellt. Seit 2017 führen Stotz und Ehmann Labour in a Single Shot gemeinsam weiter. Basierend auf weltweit durchgeführten Workshops, werden Videos von ein bis zwei Minuten Länge produziert, die in einer einzigen Einstellung aufgenommen sind. Die Kamera kann statisch sein, schwenken oder eine Fahrt machen – nur Schnitte sind nicht vorgesehen. Der Untersuchungsgegenstand ist das Thema „Arbeit“ in seinen vielfältigen Ausprägungen: bezahlte oder unbezahlte, materielle oder immaterielle, traditionsreiche oder die gänzlich neuen Arbeitsformen im digitalen Bereich. Auch das Thema der filmischen Arbeit an sich, der Arbeit verschiedener Bildproduktionen und der Aspekt der kollektiven Arbeit wird in Labour in a Single Shot immer wieder aufgenommen.

Labour in a Single Shot: Marseille. Portrait of a city composed by Labour-in-a-Single-Shot films, entstand 2018 im Rahmen eines Workshops in Marseille und setzt sich aus 20 Einzelportraits folgender Arbeiten zusammen: Filmvorführer, Messerschleifer, Orangenverkäufer, Bodybuilderin, Fisch-Fußpfleger*in, Techniker, Fischverkäufer, Friseur, Helferin für Analphabet*innen, Tierverkäufer, Videoeditor, Feuerwehrleute, Schriftstellerin, Baumaschinenfahrer, Fleischverkäuferin, Schneider, Kleidersortiererin, Bauarbeitet, Musiker, Straßenfeger.


Eduard Constantin
When Living in the West – The Neighbours, 2004–2005
SD-Video, Farbe, Ton, 6:36 min

Eduard Constantin (*1977 in Ploiesti, Rumänien, lebt in Bukarest) ist Künstler sowie Mitbegründer der gemeinnützigen digitalen Plattform
e-cart.ro zur Förderung zeitgenössischer Kunst. Constantins Videoarbeiten und Zeichnungen speisen sich häufig aus scheinbar beiläufigen Beobachtungen und sind von politischen Fragestellungen durchzogen.

Living in the West – The Neigbhours entstand 2004–2005 nach der Rückkehr des Künstlers in seine Heimatstadt Ploiesti. Die Videoarbeit erfasst den flanierenden Blick aus statischer Perspektive. Der Balkon seiner Wohnung im Stadtteil „Vest“ (Deutsch: „im Westen“) wird hier zum zentralen Ort der Betrachtung und Reflektion der städtebaulichen und sozialen Veränderungen des Viertels im Postkommunismus, ebenso wie über Urbanität, Entfremdung und Selbstbeobachtung. Ab wann, so fragt der Künstler, akzeptieren wir es als sozial gegeben, dass sich unser Horizont maßgeblich durch den gegenüberliegenden Wohnblock und das Treiben der Nachbarn auf ihren Balkonen definiert oder dass Kinder Supermarkt- und Tankstellenparkplätze als Spielplätze nutzen?

Eduard Constantin ist mit einer weiteren Arbeit (
Outside View, 2004) seit 2019 in der Sammlung des n.b.k. Video-Forums vertreten.


Clarissa Thieme
Today is 11th June 1993, 2018
Ultra HD-Video, Farbe, Ton, 12:45 min

In einem Zusammenspiel aus fiktionalen und dokumentarischen Elementen setzt sich die Künstlerin und Filmemacherin Clarissa Thieme (*1976 in Oldenburg, lebt in Berlin) in ihren Arbeiten mit Prozessen der Erinnerung, Identitätspolitik und Übersetzungsstrategien auseinander.

Die Arbeit
Today is 11th June 1993 (2018) basiert auf einem Fundstück in Form eines Videos von Nedim Alikadic, das die Künstlerin im Hamdija-Kresevljakovic-Videoarchiv fand, das Bilder der Belagerung Sarajevos von 1992 bis 1996 sammelt. Zu sehen ist das spielerische und zugleich von schwarzem Humor geprägte Video-Dokument einer Gruppe junger Leute, die sich die Flucht aus der belagerten Stadt mit Hilfe einer Zeitmaschine vorstellt: „Heute ist der 11. Juni 1993. Der Krieg geht schon sehr lang. Ich habe alles versucht, um zu fliehen, mich zu retten, aber nichts hat funktioniert. Die einzige Sache, die mir bleibt, ist dieses Video zu machen, das ich meinem Sohn geben werde, und er seinem, und so weiter, bis eine Zeitmaschine erfunden wird und derjenige, der dies sieht, kommt um mich hier rauszuholen.“ Durch den Einsatz einer Synchron-Sprecherin (Grace Sungeun Kim), die die Dialoge ins Englische überträgt, erhält das Video auch auf einer äußeren Ebene eine Aktualisierung in die Zukunft.


Pauline Boudry / Renate Lorenz
To Valerie Solanas and Marilyn Monroe in Recognition of their Desperation, 2013
HD-Video, Farbe, Ton, 17:47 min

Pauline Boudry und Renate Lorenz leben und arbeiten seit 2007 zusammen in Berlin. Ihre künstlerische Praxis manifestiert sich in Filmen, Performances, Songs, Objekten und Texten. Sie arbeiten mit Tänzer*innen, Choreograph*innen und Künstler*innen zusammen, mit denen sie eine lange Geschichte der Auseinandersetzung mit den Bedingungen von Performance und der gewalttätigen Zurichtung von Körpern, aber auch von Gemeinschaft, Glamour und Widerstand verbindet.

In der Videoarbeit
To Valerie Solanas and Marilyn Monroe in Recognition of their Desperation (2013) spielen sechs Interpret*innen die gleichnamige Partitur der US-amerikanischen Avantgarde-Komponistin und Klangkünstlerin Pauline Oliveros (1932–2016) von 1970. Oliveros entwickelte das Stück basierend auf der Lektüre des radikal feministischen SCUM Manifesto (1967) von Valerie Solanas, die später als Schützin von Andy Warhol Berühmtheit erlangte. Die Komposition fordert die Interpret*innen auf, jeweils fünf Tonhöhen zu wählen und sehr lange Töne zu spielen, moduliert oder nicht moduliert. Im mittleren Teil des Stücks werden die Performer*innen, Rachel Aggs, Peaches, Catriona Shaw, Verity Susman, Ginger Brooks Takahashi und William Wheeler, eingeladen, die Tonlagen und Modulationen der anderen zu imitieren und interagieren nicht nur miteinander und ihren Instrumenten, sondern auch mit der ikonischen DDR-Architektur des Funkhaus Berlin von 1951.

Das Stück
To Valerie Solanas and Marilyn Monroe in Recognition of their Desperation zielt auf die Vermeidung der Hierarchien zwischen Musiker*innen und gestaltet seine Anweisungen so, dass eine „ständige Zirkulation der Macht“ (Oliveros) zwischen Zuhören und Spielen entsteht. Die Einsätze im Stück werden kollektiv durch das Licht gegeben – auf einen roten Abschnitt folgt ein gelber und ein blauer Abschnitt, zwei weitere Einsätze werden durch Stroboskoplicht angezeigt.

Im Showroom des Neuen Berliner Kunstvereins wurde am 6. März 2020 die Ausstellung
Pauline Boudry / Renate Lorenz. The Right to Have Rights mit der neuesten Videoinstallation der Künstlerinnen eröffnet, die man hier online sehen kann.


John Bock
In Schmerzen heimeln, 2019
Full HD-Video, Farbe, Ton, 37:30 min

John Bock (*1965 in Gribbohm, lebt in Berlin) verbindet in seinen Arbeiten Live-Aktionen, Zeichnungen, Skulpturen, Installationen, Filmsets und Filmprojektionen zu einem Gesamtkunstwerk. Seine Raumanordnungen, die von Materialkombinationen geprägt sind, können zum Ort für performative Aktionen werden, die der Künstler als „Vorträge“ oder „Lectures“ bezeichnet. Sein Werk stützt sich auf einen dunkel gefärbten Humor, der sich nicht zuletzt auf sprachlicher Ebene durch Wortschöpfungen, Repetitionen, Lautmalerei und überraschende Sprachkombinationen ausdrückt. Seine Filme und Environments nehmen Anleihen beim expressionistischen Film ebenso wie bei Western, Horrorfilmen oder Thrillern. Wenngleich seine Filme und Live-Aktionen sich einer eindeutigen Interpretation entziehen, steht hinter Bocks Werk ein deutlicher Wille zur stetigen Erweiterung des Kunstbegriffs. Sein Hauptanliegen besteht in der Entgrenzung der Kunst, sei es in Bezug auf die Aufhebung von Gattungsgrenzen und von statischen Werkbegriffen oder im Hinblick auf das Verhältnis von Rezipient*in und Künstler*in.

Das Video
In Schmerzen heimeln (2019) verzichtet bewusst auf das Element der Sprache und führt in die düstere Atmosphäre des sogenannten „Leibraums“ ein. Die Wände des Raums sind mit Metallplatten ausgeschlagen, auf Kopfhöhe ist eine Gitterrostebene eingezogen, auf der abgenutzte Landmaschinen und ein tropfender Körper bereitstehen. Eine Achatschnecke schmiegt sich über die Toastbrotfiguren eines Schachbretts. Die unheimliche Geräuschkulisse, das Knistern, Schaben und Rauschen sowie das kühle Wabern des umherschweifenden Lichts, erschaffen ein ergreifendes Gesamtraumgefüge. Im Video erscheint der Künstler zusammen mit dem Schauspieler Frank Seppeler und lädt Betrachter*innen in das Milieu des schaurig Absurden und Beklemmenden ein.




Wir bedanken uns bei allen Künstler*innen für die Bereitschaft, ihre Arbeiten in diesem Rahmen zu präsentieren.


Das 1971 gegründete Video-Forum des Neuen Berliner Kunstvereins ist mit über 1.700 Werken die älteste sowie eine der größten internationalen Videokunstsammlungen in Deutschland. Auch im Jahr 2019 konnten die umfassenden Bestände erweitert und Werke der Videokunst im Rahmen der Künstler*innenförderung der Senatsverwaltung für Kultur und Europa des Berliner Senats und aus der institutionellen Förderung des n.b.k., beides aus Mitteln der LOTTO-Stiftung erworben werden.



Screening II.
Hier online ab Montag, 4. Mai bis Sonntag, 24. Mai, 2020.


Mit Werken von Candice Breitz, Lia Perjovschi, Tomas Schmit, Hito Steyerl

Gesamtlänge: 118 min