Montag, 17. Januar 2022, 00 Uhr
Zeitzeugengespräche: Peter Brötzmann & Gerhard Rühm über Tomas Schmit

Peter Brötzmann (Jazzmusiker und Künstler, Wuppertal) und Gerhard Rühm (Künstler, Autor und Komponist, Köln) im Gespräch über Tomas Schmit

Tomas Schmit (*1943, †2006) hat mit seiner radikalen Infragestellung der bürgerlichen Kunst und seinen Ansätzen zu einer neuen, Kunst und Leben verschränkenden Ästhetik die Fluxus-Bewegung der frühen 1960er Jahre wesentlich mitgeprägt. Im Zentrum von Schmits Stücken und Aktionen stand die Aktivierung der Betrachter*innen: zunächst in seinen vor und mit Publikum ausgeführten Aktionen (1962–1965), später in seinen Büchern, Texten und Editionen, in denen er die Betrachter*innen mit Handlungsanweisungen konfrontierte (ab 1965), sowie in seinen Zeichnungen (ab 1969). In der Ausstellung Tomas Schmit. Stücke, Aktionen, Dokumente 1962–1970 gibt der Neue Berliner Kunstverein (n.b.k.) Einblick in das Frühwerk des Künstlers, Autors und Zeichners Tomas Schmit. In zwei Zeitzeugengesprächen berichten Peter Brötzmann und Gerhard Rühm von den konzeptuellen und ästhetischen Ansätzen Schmits und seiner Weggefährten.



Peter Brötzmann (*1941 in Remscheid, lebt und arbeitet in Wuppertal) ist Jazzmusiker und bildender Künstler. Während er sich als Kind zunächst selbst das Klarinettespielen beibrachte, wandte er sich später verstärkt dem Saxophon und einer zunehmend freien Spielweise zu. Unter seinem eigenen Label BRÖ veröffentlichte Brötzmann 1968 die Schallplatte Machine Gun, die heute als Meilenstein in der Geschichte des modernen Jazz in Europa gilt. 1969 gründete Brötzmann u. a. mit Jost Gebers in Berlin das Label Free Music Production (FMP), das sich primär der Förderung des Free Jazz verschrieb. Ab den 1980er Jahren trat Brötzmann bei zahlreichen Festivals, wie dem Total Music Meeting oder den Berliner Jazztagen, und im Rahmen umfangreicher Tourneen durch die USA und Japan auf. Im Laufe seiner Karriere kooperierte Brötzmann mit zahlreichen weiteren Hauptakteur*innen der Freien Musik, darunter Don Cherry, Steve Lacy, Louis Moholo, Bill Laswell, William Parker, Heather Leighton, Hamid Drake, Derek Bailey, Evan Parker, Anthony Braxton und Rashied Ali. 2011 wurde Brötzmann für sein Lebenswerk mit dem Deutschen Jazzpreis ausgezeichnet.



Gerhard Rühm (*1930 in Wien, lebt und arbeitet in Köln) ist Künstler, Autor und Komponist sowie Pionier der Konkreten und Visuellen Poesie. Er studierte Klavier und Komposition an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien und nahm anschließend Privatunterricht bei dem Zwölftonkomponisten Josef Matthias Hauer, der seinen experimentellen Umgang mit Worten, Lauten und Tönen nachhaltig prägte. Zusammen mit Friedrich Achleitner, Hans Carl Artmann, Konrad Bayer und Oswald Wiener gründete Rühm 1954 die Wiener Gruppe (1954–1964) und war Mitinitiator provokanter Auftritte im Rahmen des 1. und 2. Literarischen Cabarets (1958, 1959). Nach diesen avantgardistisch-experimentellen Veranstaltungen wurde gegenüber Rühm und anderen Teilnehmer*innen ein staatliches Publikationsverbot verhängt, woraufhin er 1964 nach West-Berlin übersiedelte. Dort nahm er an Veranstaltungen und Gemeinschaftsprojekten mit den deutschen Konzeptkünstlern Ludwig Gosewitz und Tomas Schmit teil. Gemeinsam traten sie u.a. auf dem Kunstfest in Büdingen (1966), dem Musikfestival (1967) der Galerie René Block im Forum Theater Berlin, sowie im Rahmen des Stücks Fünf Minuten (1967) auf, das für das österreichische Fernsehen konzipiert wurde. Rühms Werke wurden auf der documenta in Kassel (1987, 1977) sowie im Österreichischen Pavillon auf der Biennale in Venedig 1997 präsentiert. Retrospektiven seines Schaffens wurden zuletzt von dem BRUSEUM, Graz (2015) und dem Zentrum für Kunst und Medien, Karlsruhe (2017) organisiert. Sein Oeuvre wurde u. a. mit dem Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur (1991) und dem Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien (2007) gewürdigt.