Donnerstag, 28. März 2019, 19 Uhr
Abschöpfung des Selbst – Zur Entwicklung des Produktionsstandorts Berlin

Podiumsdiskussion mit Asta Gröting (Künstlerin, Professorin für Bildhauerei, Hochschule für Bildende Künste Braunschweig), Hans-Martin Schmidt (Gründer Atelierstandort Uferhallen, Berlin) und Melanie Roumiguière (Leiterin Bildende Kunst, Berliner Künstlerprogramm des DAAD), moderiert von Catrin Lorch (Kunsthistorikerin und Redakteurin im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung)

Mit der Ausstellung Uferhallen Kunstaktien wird im Neuen Berliner Kunstverein (n.b.k.) derzeit ein einzigartiges kulturpolitisches Projekt gewürdigt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht: Im Jahr 2011 von Hans-Martin Schmidt und Ingrid Jonda initiiert, sollten von Künstler*innen gestaltete Aktien das langfristige Bestehen der Uferhallen als Kulturort sichern und Immobilienspekulation verhindern. Das denkmalgeschützte Gebäudeensemble der Uferhallen ist einer der zentralen Standorte der Berliner Kunst- und Kulturproduktion und beherbergt neben Konzerträumen, Tanzprojekten, Theaterinszenierungen, Tonstudios und Proberäumen die Ateliers von über 60 Künstler*innen. 132 Künstler*innen beteiligten sich an der Aktion zu einem langfristigen Erhalt des Komplexes und gestalteten insgesamt 3.300 Aktien für die in eine Publikumsgesellschaft umgewandelte Uferhallen AG. Durch Erwerb und Streuung der Anteile sollte ein Mitspracherecht bei der zukünftigen Nutzung des Atelierstandorts gesichert werden.

Im Sommer 2017 wurde das Uferhallen-Areal von einer Investorengruppe übernommen. Angesichts der neuen Besitzverhältnisse ist der Fortbestand der Uferhallen als Produktionsort für zeitgenössische Kunst ein zentrales kulturpolitisches Anliegen. Auf Initiative und mit finanzieller Unterstützung der Senatsverwaltung für Kultur und Europa und dem Bezirksamt Mitte erwarb der Neue Berliner Kunstverein (n.b.k.) 20 Kunstaktien von auf dem Gelände der Uferhallen arbeitenden Künstler*innen. Mit der Präsentation von insgesamt 24 Kunstaktien – 4 erwarb der n.b.k. bereits 2011 – wird sowohl der experimentelle Ansatz der Kunstaktien als originäre Kunstwerke und Kapitalanlagen zugleich thematisiert, als auch ihr Ziel, die Existenz von dauerhaft bezahlbaren Räumen für zeitgenössische Kunstproduktion und Kunstpräsentation zu sichern.

Die Kunstmetropole Berlin befindet sich in einer zunehmend paradoxen Situation: Lockt einerseits das Versprechen auf freie Entfaltung und Ich-Identifikation zahlreiche Kunstschaffende in die Hauptstadt, sind andererseits die Freiräume, die diese Entfaltung ermöglichen sollen, mehr und mehr bedroht. Die Konkurrenz um den Zugang zu Infrastrukturen wie Ateliers, Ausstellungs- und Projekträumen sowie um die Aufmerksamkeit von Kunstmarkt und Sammler*innen tritt immer deutlicher zutage, je stärker eine auf Verdrängung, Akkumulation und Gewinnmaximierung beruhende Verwertungslogik auf die Kunstszene einwirkt. In einer neoliberal überformten, von Abschöpfung des Selbst geprägten Ökonomie gewinnt das künstlerisch Singuläre zwar an Bedeutung, allerdings auf Kosten von Kollektivität und Solidarität. Die Entwicklung hin zu spektakulären Events und Blockbuster-Ausstellungen, zu Privatisierung und Exklusivität ist die Folge.

Im Rahmen der Podiumsdiskussion sprechen Kunst- und Kulturschaffende am Beispiel der Uferhallen über die aktuellen Herausforderungen für die Kunstproduktion, die mit der derzeitigen Stadt- und Kulturpolitik sowie der immer drängenderen Frage der Entwicklung des Produktionsstandorts Berlin einhergehen.


Asta Gröting ist Künstlerin und Professorin für Bildhauerei an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. In verschiedenen Medien wie Bildhauerei, Video und Performance wirft sie konzeptuelle und emotionale Fragestellungen zum gesellschaftlichen Miteinander auf. Seit langem beschäftigt sie sich mit Möglichkeiten der Sichtbarmachung des Psychologischen, so etwa in der auf Bauchrednerei basierenden Serie The Inner Voice oder mittels Abgüssen von durchlöcherten, ramponierten Mauern in der Serie Berlin Fassaden.

Catrin Lorch ist Kunsthistorikerin und Kunstkritikerin. Nach einem Redaktionsvolontariat bei der Offenbach-Post studierte sie Kunstgeschichte, Journalismus, Germanistik und Städtebau in Frankfurt, New York und Bonn. Sie war 1994 und 1996 Kuratorin und Direktorin der Videonale in Bonn. 2006 erhielt sie den Kunstkritikpreis der Art Cologne. Veröffentlichungen u. a. in Blitzreview, Kunstbulletin, Frieze, Artforum, Frankfurter Allgemeine Zeitung und Texte zur Kunst. Seit 2009 ist sie bei der Süddeutschen Zeitung verantwortliche Redakteurin für zeitgenössische Kunst.

Melanie Roumiguière ist Kulturwissenschaftlerin und Kuratorin. Seit Herbst 2018 leitet sie den Bereich Bildende Kunst des Berliner Künstlerprogramms des DAAD. Zuvor war sie Kuratorin und Ausstellungsleiterin am Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin, wo sie zahlreiche Ausstellungen und Publikationen verantwortete. Weiterhin war sie u. a. für das MACBA in Barcelona und die Documenta 13 tätig.

Hans-Martin Schmidt studierte Geodäsie an der Technischen Universität Berlin und war als Diplomingenieur für Vermessungswesen, als Projektingenieur in Indonesien sowie als Leiter einer Baufirma tätig. 2006 stellte er Studierenden der Universität der Künste ein vom ihm erworbenes Gebäude in der Uferstraße 6 für die Protestausstellung Außer Haus zur Verfügung, 2008 initiierte er zusammen mit Ingrid Jonda den Atelierstandort Uferhallen sowie 2011 das Projekt der Uferhallen Kunstaktien.


Eintritt frei