These Are the Only Times You Have Known

7. März – 3. Mai 2020



Ausstellungsansicht These Are the Only Times You Have Known, Neuer Berliner Kunstverein, 2020, Videoarbeit von Maya Schweizer © Foto: Neuer Berliner Kunstverein / Jens ZieheAusstellungsansicht These Are the Only Times You Have Known, Neuer Berliner Kunstverein, 2020, Werke von Calla Henkel & Max Pitegoff, Philip Wiegard © Neuer Berliner Kunstverein / Jens ZieheAusstellungsansicht These Are the Only Times You Have Known, Neuer Berliner Kunstverein, 2020, Werke von Lerato Shadi, Calla Henkel & Max Pitegoff, Philip Wiegard, Sener Özmen © Foto: Neuer Berliner Kunstverein / Jens Ziehe
Ausstellungsansicht These Are the Only Times You Have Known, Neuer Berliner Kunstverein, 2020, Werke von Sener Özmen, Ursula Döbereiner, Frauke Boggasch © Neuer Berliner Kunstverein / Jens ZieheAusstellungsansichten These Are the Only Times You Have Known, Neuer Berliner Kunstverein, 2020, Werke von Doireann O’Malley, Leon Kahane © Fotos: Neuer Berliner Kunstverein / Jens Ziehe

Aufgrund der aktuellen Situation im Zusammenhang mit dem Coronavirus (COVID-19) bleibt der n.b.k. bis einschließlich 19. April 2020 geschlossen.

An dieser Stelle präsentieren wir eine umfangreiche Fotodokumentation der gezeigten Werke und Videoarbeiten der Ausstellung in voller Länge (bitte nach unten scrollen).

Hier geht es zur Online-Präsentation unserer aktuellen Ausstellung im
n.b.k. Showroom: Pauline Boudry / Renate Lorenz. The Right to Have Rights



Künstler*innen der Ausstellung
These Are the Only Times You Have Known:
Frauke Boggasch, Ursula Döbereiner, Calla Henkel & Max Pitegoff, Leon Kahane, Şener Özmen, Doireann O’Malley, Sabine Reinfeld, Maya Schweizer, Lerato Shadi, Rui Vilela, Philip Wiegard
Kurator*innen: Arkadij Koscheew, Michaela Richter

In der Ausstellung
These Are the Only Times You Have Known wird das Werk von elf internationalen Künstler*innen präsentiert, die 2019 mit dem Arbeitsstipendium Bildende Kunst des Berliner Senats ausgezeichnet wurden. Die Bandbreite der Positionen trägt der Vielfalt künstlerischer Ausdrucksformen in Berlin Rechnung und umfasst die Auseinandersetzung mit verschiedenen Zeitebenen, verborgenen Geschichten, Fragen der Zugehörigkeit und Performativität. Die Frage nach der Sinnstiftung im Jetzt ist dabei ein verbindendes Element aller in These Are the Only Times You Have Known versammelten künstlerischen Werke, deren Spektrum von Gemälden, Fotografien, Drucken und Videoinstallationen bis hin zu Virtual Reality-Arbeiten reicht.


Ausstellungsansicht
These Are the Only Times You Have Known, Neuer Berliner Kunstverein, 2020, Werke von Lerato Shadi, Calla Henkel & Max Pitegoff, Philip Wiegard, Şener Özmen © Foto: Neuer Berliner Kunstverein / Jens Ziehe


Der Titel der Ausstellung ist dem Erfolgsalbum
Let Them Eat Chaos der britischen Sängerin und Lyrikerin Kate Tempest entlehnt. Im Eröffnungssong Picture A Vacuum reist dessen Protagonistin von der abstrakten, zeitlosen Schwärze des Universums zum Planeten Erde, einem Sturz in die Jetztzeit gleich. Die Zeile These Are the Only Times You Have Known unterstreicht die Zeitgenossenschaft der in der Ausstellung versammelten Positionen und rückt zugleich die individuellen künstlerischen Leistungen in den Vordergrund, die jede auf ihre eigene Art Fragen an die Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft formulieren.


Ausstellungsansicht
These Are the Only Times You Have Known, Neuer Berliner Kunstverein, 2020, Werke von Şener Özmen, Ursula Döbereiner, Frauke Boggasch © Foto: Neuer Berliner Kunstverein / Jens Ziehe


Frauke Boggasch



Ausstellungsansichten These Are the Only Times You Have Known, Neuer Berliner Kunstverein, 2020, Werke von Frauke Boggasch © Fotos: Neuer Berliner Kunstverein / Jens Ziehe


HI NO YOU JIN – ghost edition, 2020
Rauminstallation, Soundtrack in Zusammenarbeit mit Mieko Suzuki

o.T. (umibozu), 2019, Gemälde, Öl auf Leinwand, 200 x 150 cm
o.T. (fuYu), 2015/2020, Gemälde, Öl auf Leinen 200 x 160 cm
love, hate und Eismann, 2015/2020, Gemälde, Öl auf Leinen, 150 x 130 cm
o.T. (onh), 2019, Gemälde, Öl auf Leinwand, 200 x 140 cm
o.T. (ynh), 2020, Gemälde, Öl auf Leinwand, 200 x 150 cm
o.T. (Sekien)
, 2020, Gemälde, Öl auf Leinwand, 200 x 140 cm

Frauke Boggasch schafft großformatige abstrakte Ölgemälde, an denen sie bis zu einem halben Jahr lang arbeitet. Auf spontanen Zeichnungen basierend, entstehen ihre Werke Schicht für Schicht – ein Prozess, währenddessen Boggasch sich kontinuierlich zwischen Geste und Reflexion hin und her bewegt. Die Motive ihrer Werke sind nicht von vornerein festgelegt, sondern treten erst im Laufe der Zeit zutage. Ausgehend von einer intensiven Beschäftigung mit literarischen Werken, Vorstellung und Realität des Künstler*innendaseins sowie dem Zeitgeschehen entwickelt Boggasch Sujets, die eine Gratwanderung zwischen Imagination und Wirklichkeit widerspiegeln. Für die Ausstellung hat sie eine umfassende Rauminstallation konzipiert, die ihre Gemälde an einem eigens dafür hergestellten Ort versammelt. Die Werke entstanden auf der Grundlage alter Bilder, die Boggasch palimpsestartig übermalt und so neue Gemälde produziert, in denen frühere Formen als schemenhafte Fragmente erhalten bleiben. Die Arbeiten kombinieren abstrakte mit figurativen Elementen und sind sowohl von japanischer Kultur als auch einer Kritik am Kunstsystem beeinflusst. Begleitet werden sie von einem Soundtrack, der Außenaufnamen (field recordings) und Rückkopplungen zu geisterhaften Klängen vereint.


Ursula Döbereiner



Ausstellungsansichten
These Are the Only Times You Have Known, Neuer Berliner Kunstverein, 2020, Werke von Ursula Döbereiner © Fotos: Neuer Berliner Kunstverein / Jens Ziehe

Scan/Signalstörung 200201 – 200218, 2020, 16 Digitaldrucke auf Papier, je 118,9 x 84,1 cm

Ursula Döbereiner setzt sich in ihren Zeichnungen und Drucken mit der Automatisierung des gestalterischen Prozesses auseinander und nimmt dabei sowohl auf Orte im Stadtraum Bezug, an denen sie sich häufig aufhält, als auch auf die räumlichen Gegebenheiten, die sie am jeweiligen Ausstellungsort vorfindet. Dabei macht sie nicht nur von unterschiedlichen Druckverfahren und Materialwiderständen, sondern auch den Möglichkeiten eines gezielten Zulassens und Provozierens von „Fehlern“ Gebrauch. In der seriellen Arbeitsweise tritt die technische Matrix, innerhalb derer die einzelnen Werke produziert werden, in der Vordergrund. So basiert die raumbezogene Wandarbeit
Scan/Signalstörung 200201 – 200218 einerseits auf der Kombination von Scanner und Drucker, anderseits auf der Software zum Anzeigen von Bilddateien auf dem Computer. Die Drucke, welche durch Manipulation der Scanvorlage auf der Scannerplatte unterschiedliche Störungsmuster und Verwischungen aufweisen, sind in der Ausstellung in einer Hängung angebracht, die dem zufälligen Öffnen mehrerer Dokumente und deren Fensteranordnung auf dem Computerbildschirm nachempfunden ist.


Calla Henkel & Max Pitegoff


Ausstellungsansicht
These Are the Only Times You Have Known, Neuer Berliner Kunstverein, 2020, Werke von Calla Henkel & Max Pitegoff © Foto: Neuer Berliner Kunstverein / Jens Ziehe

Study for Paradise at TV (Kitchen I, Group I, Group II, Preston, Kitchen II), 2019, Silbergelatinedrucke, je 30 x 36 cm

Spree (Michaelbrücke I, Wilhelmine-Gemberg-Weg, Michaelbrücke II),
2019, Silbergelatinedrucke, je 38 x 38 cm



Study for Paradise at TV (Preston), 2019 © Henkel / Pitegoff


Spree (Wilhelmine-Gemberg-Weg), 2019 © Henkel / Pitegoff

Calla Henkel und Max Pitegoff beschäftigen sich mit sozialen Beziehungen, der Bildung von Gemeinschaften und den Räumen, in denen sich diese Prozesse vollziehen. Dabei arbeiten sie häufig kollaborativ und schreiben Theaterstücke und Serienformate, die sie in unabhängigen Theaterräumen wie dem New Theater, das sie von 2013 bis 2015 gemeinsam betrieben, oder dem Grünen Salon der Volksbühne (2017–2018) zur Aufführung bringen. Study for Paradise at TV ist ein für die Kamera geschriebenes Stück, in dem sich eine fiktionale Restaurantbelegschaft mit der Situation konfrontiert sieht, dass die*der Vorgesetzte*r von einem langen Urlaub nicht zurückkehrt. Die Protagonist*innen – größtenteils Performancekünstler*innen und Schauspieler*innen, die nebenbei in der Gastronomie jobben – beschließen, das Restaurant zu übernehmen und es mithilfe der Logik und der Hierarchien eines Theaters umzustrukturieren. Das Skript und die Fotografien sind Studien für ein Langzeit-Fernsehprojekt, welches Henkel und Pitegoff derzeit in ihrer Bar namens „TV“ realisieren. Mit der Serie Spree (alle 2019) produzieren Henkel und Pitegoff Bilder des Spreeufers zwischen Mitte und Kreuzberg, dem Areal der ehemaligen Bar 25, und setzen sich so mit der gezielten Indienstnahme des Berliner Nachtlebens durch Investoren auseinander, die die Grundstückspreise in die Höhe treibt.


Leon Kahane



Ausstellungsansichten
These Are the Only Times You Have Known, Neuer Berliner Kunstverein, 2020, Werke von Leon Kahane © Fotos: Neuer Berliner Kunstverein / Jens Ziehe

D.K.01, D.K.02, 2020, C-Prints, Laserdrucke, Objektrahmen, je 120 x 80 cm

Leon Kahane beleuchtet Identitätsbildung, unterdrückte Narrative und die Rolle von Gedenkkultur für moderne Gesellschaften. Dabei legt er besonderes Augenmerk auf überlieferte Stereotype und bricht diese auf, meist unter Rückgriff auf historische Dokumente und Artefakte. In den Arbeiten
D.K.01 und D.K.02 setzt sich Leon Kahane mit der Lebens- und Ausstellungsgeschichte seiner Großmutter, der Künstlerin Doris Kahane, auseinander. Nach ihrer Flucht aus dem französischen Sammel- und Durchgangslager Drancy bei Paris, von dem aus hauptsächlich französische Jüd*innen in deutsche Konzentrationslager deportiert wurden, lebte Doris Kahane seit 1945 in Ost-Berlin, wo sie von 1951 bis 1955 an der Weißensee Kunsthochschule Berlin studierte. Leon Kahane nimmt seine Familienbiografie und die Ausstellungsaktivitäten seiner Großmutter zum Anlass, sich mit persönlichen und beruflichen Zwängen einer in der DDR lebenden und tätigen Künstlerin auseinanderzusetzen. Dabei fragt er auch nach dem Umgang mit Meinungsfreiheit. Die übereinandergeschichteten Acrylglasscheiben in Kahanes Arbeiten dienen als Träger für Dokumente wie Archivalien und Ephemera; die Wand des Ausstellungsraums, an der diese präsentiert werden, ist in Richtung des Dorotheenstädtischen Friedhofs ausgerichtet ist, auf dem Kahanes Großmutter ihre letzte Ruhestätte hat.


Şener Özmen


Ausstellungsansicht
These Are the Only Times You Have Known, Neuer Berliner Kunstverein, 2020, Videoinstallation von Şener Özmen © Foto: Neuer Berliner Kunstverein / Jens Ziehe

Energize!, 2019, 3-Kanal-HD-Video-Installation, Farbe, Ton, 3:54 min


Energize!, 2019, 1-Kanal-Version der gleichnamigen Installation © Şener Özmen

Şener Özmen setzt sich in Videos, Fotografien und Künstlerbüchern sowie als Kurator und Autor mit bestehenden Machtverhältnissen und lokalen Infrastrukturen auseinander. Er hinterfragt die scheinbare Unumgänglichkeit autoritärer Formationen, sozialer Gefälle und vorhandener Tabus mittels subtil und poetisch konzipierter Arbeiten, die die Aufmerksamkeit der Betrachter*innen auf gesellschaftliche Probleme und deren mögliche Veränderung mit künstlerischen Mitteln lenkt. Seine eigene Rolle als Künstler bzw. die implizite Aufforderung, sich als Künstler*in der eigenen Position und Verantwortung bewusst zu sein, ist ein zentrales Motiv in Özmens Werken. Die Videoarbeit
Energize! entstand nach Özmens Umzug von Diyarbakır über New Jersey nach Berlin und spielt auf Teleportationsszenen an, wie sie aus Star Trek bekannt sind und dort mit dem Ruf „Energize!“ eingeleitet werden. Ähnlich gekleidet wie die Protagonist*innen der Science-Fiction-Reihe, sieht man Özmen entlang der Stadtmauern von Diyarbakır und durch Berlin wandern. In der Nähe des Alexanderplatzes sowie im Marx-Engels-Forum an der Karl-Liebknecht-Straße unternimmt er den Versuch, sich von dort wegbeamen zu lassen. Seine zunehmend verzweifelte Aufforderung „Energize!“ verweist auf den Verlust einstiger Visionen, Zwangsmigration, Anpassungsfragen und die Unmöglichkeit, zurückzukehren.


Doireann O’Malley


Ausstellungsansicht
These Are the Only Times You Have Known, Neuer Berliner Kunstverein, 2020, VR-Installation von Doireann O’Malley © Foto: Neuer Berliner Kunstverein / Jens Ziehe

New Maps of Hyperspace_Test01, 2020, Virtual-Reality-Installation, Farbe, Ton, 8 min


New Maps of Hyperspace_Test01, 2020, Videosimulation der Bewegung durch die Virtual-Reality-Installation © Doireann O’Malley

Doireann O’Malley entwirft in ihren*seinen Videoarbeiten Welten, die frei sind von binären Geschlechterstereotypen und festen Rollenbildern und greift dabei auf Techniken der Psychoanalyse, wie die Traumdeutung, zurück. Diese verwebt sie*er mit Anleihen aus Queer-Theorie, Quantenphysik und trans- und posthumanistischen Überlegungen wie etwa von Karen Barad. In
New Maps of Hyperspace_Test01 folgen die Betracher*innen einer schwebenden Kugel durch ein fiktionales Universum, in dem die Menschheit von der Erde verschwunden ist und Maschinen in einem Labor damit experimentieren, menschliches Leben erneut auf der Erde zu etablieren. Dabei spielen die Konzepte des Mathematikers und Informatikers Alan
Turing (1912–1954), sowie des Biologen und Bewusstseinsforschers Terence McKenna (1946–2000) eine zentrale Rolle. So setzt sich der zu hörende Text teilweise aus Zitaten aus McKennas Vortrag „New Maps of Hyperspace“ (1984) zusammen. In McKennas Lesart findet der Hyperraum, der als Konzept in der Science Fiction dazu dient, Beschränkungen der realen Physik zu umgehen, Anwendung auf den menschlichen Körper und das Bewusstsein. Beide werden hier als ein kleiner Teil eines größeren Kontinuums angesehen, das mit dem Menschen in Wechselwirkung steht und ungekannte Handlungsmöglichkeiten impliziert.


Sabine Reinfeld



Ausstellungsansichten
These Are the Only Times You Have Known, Neuer Berliner Kunstverein, 2020, Rauminstallation von Sabine Reinfeld © Foto: Neuer Berliner Kunstverein / Jens Ziehe


Cars Land, 2020, 3-Kanal-HD-Videoinstallation, Farbe, Ton, Plexiglasplatte, Drehmotor, Musik: Hanno Leichtmann

Sabine Reinfelds Werke sind darauf ausgerichtet, neue Sichtweisen auf Räume und Orte – ihre physischen Parameter wie sozialen Hintergründe – zu eröffnen und so von gängigen Betrachtungsweisen abweichende Narrative zu produzieren. Reinfeld arbeitet vorwiegend performativ sowie mit den Medien Video und Fotografie; im Mittelpunkt steht dabei stets ihr Körper, den sie als Ausdrucksmittel wiederholt auf das Äußerste fordert. Die Multimediainstallation Cars Land nimmt ihren Ausgangspunkt in der Autostadt Los Angeles, in den Bergen des Prominenten-Wohnviertels Bel Air. Ein verfallener Volvo aus den 1970er Jahren – dem Jahrzehnt, in dem erstmals die Frage nach den Grenzen des Wirtschaftswachstums aufkam – wird zum Angelpunkt einer Beschäftigung Reinfelds mit Vorstellungen von persönlicher Freiheit, Technikfaszination und Abgrenzungsbestrebungen. Ihre filmische Inszenierung ist inspiriert von dem Buch Los Angeles: The Architecture of Four Ecologies des Architekturkritikers Reyner Banham (1922–1988) und zeigt Los Angeles als „Text, der nur durch den Rückspiegel gelesen werden kann“. Reinfelds panoramischer Blick richtet sich dabei auf eine individuelle Geschichte von Immigration ebenso wie auf mediale Realitäten und eine kapitalistische Gesellschaftsordnung.


Maya Schweizer



Ausstellungsansichten
These Are the Only Times You Have Known, Neuer Berliner Kunstverein, 2020, Werke von Maya Schweizer © Fotos: Neuer Berliner Kunstverein / Jens Ziehe

Insolite
, 2019, HD-Video, Farbe, Ton, 12:16 min

L’étoile de mer
, 2019, HD-Video, Farbe, Ton, 11 min



Insolite, 2019 © Maya Schweizer


L’étoile de mer, 2019 © Maya Schweizer

Maya Schweizer spürt mit ihren Videoessays und Filmen Alltagsphänomenen nach, die unter dem Blick ihrer Kamera als fremdartig und ungewöhnlich hervortreten, während sie sonst häufig unbemerkt bleiben. Schweizers Arbeit basiert auf intensiven Langzeitbeobachtungen vor Ort, die sie zu komplexen Narrativen verarbeitet, die gefundenes Videomaterial (Found Footage) einbeziehen. In der Ausstellung im n.b.k. werden zwei Arbeiten von Maya Schweizer Rücken an Rücken gezeigt. Die Besucher*innen werden von der Arbeit Insolite (dt.: Ungewöhnlich) empfangen, in der heutige Aufnahmen des Vesuv mit Szenen aus seismologischen Stationen und Infrarotbildern des Kraters mit historischen Aufnahmen vom Ausbruch des Vesuv im Jahr 1944 kombiniert sind. Das Potential eines Ausbruchs des einzigen aktiven Vulkans auf dem europäischen Festland, der einst Pompeji verschüttete, wird in Insolite zu einer manifesten Bedrohung. In L’étoile de mer (dt.: Der Seestern) begibt sich Schweizer metaphorisch wie faktisch unter die Meeresoberfläche und erkundet mit Unterwasseraufnahmen und assoziativ collagierten Ausschnitten aus Filmen und teils verfremdeten Fernsehaufnahmen Bilder und Räume des Vergessens. Dabei greift Schweizer auf ikonische Werke der Filmgeschichte zurück und erschafft so ein dichtes Referenzsystem, das filmisch Momente des Entschwindens festzuhalten sucht.


Lerato Shadi


Ausstellungsansicht
These Are the Only Times You Have Known, Neuer Berliner Kunstverein, 2020, Wandinstallation von Lerato Shadi © Foto: Neuer Berliner Kunstverein / Jens Ziehe

Batho ba me
, 2020, Wandinstallation, Neon-Leuchtröhren, Farbe, 500 x 400 cm

In ihren Installationen, Performances und Videoarbeiten weist Lerato Shadi gezielt auf Prozesse der Unterdrückung, Exklusion und Auslöschung hin. Sie schafft Räume des Erinnerns und der Sichtbarkeit, die zur Reflektion der Position der Künstlerin und der Subjekte, mit denen sie sich beschäftigt, ebenso auffordern wie zu einer Auseinandersetzung mit der Rolle der Betrachter*in. Zentral ist dabei die Frage nach den Möglichkeiten des eigenen Handelns und der Konstitution künftiger Gemeinschaften. Ihre für die Ausstellung entstandene Arbeit Batho ba me zitiert die in den Verfassungen zahlreicher Staaten zu findende Eingangsformel „We the people“ („Wir, das Volk“) und erweitert diese zu der Frage „Are we the people?“ („Sind wir das Volk?“). Wie alle Titel ihrer Werke in Shadis Muttersprache Setswana formuliert, verweist Batho ba me („My people“ / „Mein Volk“) auf einen gelebten Kontext, zu dem nicht jede*r Zugang hat und fragt danach, wie sich die Auffassung eines „Wir“ gestaltet. So meint das „eigene“ Volk als Ansprache in politischen Reden oftmals eine bestimmte Wähler*innenschaft und ist als angenommene wie juristische Gruppe mit Ausschlüssen verbunden, die es kontinuierlich zu hinterfragen gilt.


Rui Vilela


Ausstellungsansicht
These Are the Only Times You Have Known, Neuer Berliner Kunstverein, 2020, Videoarbeit von Rui Vilela © Foto: Neuer Berliner Kunstverein / Jens Ziehe


Anticolonial Quotations, 2020, HD-Video, Farbe, Ton, 55:40 min © Rui Vilela

Rui Vilela beschäftigt sich mit geschriebener und gesprochener Sprache und den Geschichten, die darüber transportiert werden. Ausgehend von einem soziopolitischen Kontext untersucht er in kollaborativ angelegten Projekten die Wechselbeziehung von Sprache und Narrativen. Anticolonial Quotations verwebt Erzählungen von Widerstandskämpferinnen über die Befreiungsbewegung in Guinea-Bissau gegenüber der portugiesischen Kolonialherrschaft mit performativen Zitaten einer Rundfunkübertragung der Informationsdienste der politischen Partei PAIGC in kreolischer Sprache von 1972. Diese befindet sich heute im Bestand der Nationalen Rundfunkanstalt Guinea-Bissaus. Die Arbeit untersucht, wie antikoloniale Gedächtnisse, die Bestandteil einer globalisierten Gemeinschaft sind, wiederholt wachgerufen und aufrechterhalten werden können. Übermittelt durch Klang, Musik, gesungenes und gesprochenes Wort tragen sie akustisch zu einem öffentlichen Dekolonialisierungsprozess bei.


Philip Wiegard



Ausstellungsansichten
These Are the Only Times You Have Known, Neuer Berliner Kunstverein, 2020, Werke von Philip Wiegard © Fotos: Neuer Berliner Kunstverein / Jens Ziehe

Task
, 2019, Polymer Clay Mosaik (kaschiert auf Acrylglas), 41,3 x 32 x 0,3 cm

We had fun, 2020, Polymer Clay Mosaik (gerahmt), 108,2 x 61,7 x 0,4 cm

What about you, 2020, Polymer Clay Mosaik (gerahmt), 121 x 68,5 x 0,4 cm

Let me be, 2019, Polymer Clay Mosaik (Künstlerrahmen), 41,5 x 32,5 x 0,3 cm

Die künstlerische Praxis von Philip Wiegard basiert auf der Auseinandersetzung mit handwerklichen und kreativen Fähigkeiten sowie dahinterstehenden Produktionsbedingungen und Wertvorstellungen vom vorindustriellen Zeitalter bis zur Gegenwart. Wiegard hat Anfang 2019 begonnen, mit Polymer Clay zu arbeiten, einer ofenhärtenden Modelliermasse, die auch unter dem Markennamen FIMO bekannt ist. Das Hobbymaterial wird weltweit verwendet und oft zu „Canes“ verarbeitet, lang gestreckten Körpern mit einem extrudierten Motiv, das durch Strecken oder Stauchen skaliert wird. Diese einfache Reproduktionstechnik war schon in der Antike in der Glasverarbeitung zur Herstellung von sogenanntem Mosaikglas oder Millefiori gebräuchlich. Heute werden ungebrannte Polymer-Clay-Canes, die auf verschiedene Weise weiterverarbeitet werden können, auf digitalen Marktplätzen von Hobbykünstler*innen und Kunsthandwerker*innen gehandelt. Wiegard setzt die gesamte Bildfläche seiner großformatigen Mosaike aus dünnen Scheiben solcher Canes zusammen und kombiniert dabei eigene mit fremden Entwürfen. Die Flachskulpturen reflektieren die spezifischen Möglichkeiten des Materials ebenso wie neue Entwicklungen in der Kreativindustrie und Formen der Gemeinschaftsarbeit.



Diskursprogramm – die Veranstaltungen bis 19. April sind bis auf Weiteres abgesagt

Dienstag, 17. März 2020, 19 Uhr
On View: Neuerwerbungen 2019 für die Sammlung des n.b.k Video-Forums
Screening mit Videoarbeiten von John Bock, Pauline Boudry / Renate Lorenz, Candice Breitz,
Eduard Constantin, Antje Ehmann und Eva Stotz, Tomas Schmit, Hito Steyerl, Clarissa Thieme

Donnerstag, 26. März / 16. April / 30. April 2020, jeweils 19 Uhr
Love the idea of being live! #1–3
Performative Aktivierung der Installation Cars Land (2020) von Sabine Reinfeld (Künstlerin, Berlin)

Donnerstag, 2. April 2020, 19 Uhr
Recipes for Survival. A Village in the Backlands of Southern Brazil
Podiumsdiskussion mit Maria Thereza Alves (Künstlerin, Berlin und São Paulo),
Wilma Lukatsch (Kunsthistorikerin und Autorin, Kollegiatin im DFG-Graduiertenkolleg
„Das Wissen der Künste“, Universität der Künste Berlin) und Teodora Kotseva
(Kulturmanagerin, Kuratorin und Autorin, Berlin)
In englischer Sprache

Sonntag, 3. Mai 2020, 19 Uhr
Moving Backwards
Performance und Buchpräsentation mit Pauline Boudry / Renate Lorenz (Künstlerinnen, Berlin)
und Werner Hirsch (Performer, Berlin), Konzert von Aérea Negrot (Musikerin und Performerin, Berlin)
In englischer Sprache

Eintritt frei zu allen Veranstaltungen



Publikation
Zur Ausstellung erscheint eine Publikation in der Reihe „n.b.k. Berlin“ im Verlag der Buchhandlung
Walther König, Köln, mit einem Vorwort von Klaus Lederer und Marius Babias sowie Texten von
Arkadij Koscheew, Michaela Richter und Marlene Streeruwitz.