Was man nicht sieht


Still


2016, 00:41:57, PAL, Farbe, Ton


Für die siebenteilige Werkserie Point of View aus den Jahren 2015 und 2016 arbeitete sich Clemens von Wedemeyer am filmischen Nachlass seines Großvaters ab: Der Rittmeister Freiherr Harald von Vietinghoff-Riesch war Amateur-Filmer, der im Zweiten Weltkrieg Szenen hinter der Front festhielt. In den 16mm-Filmen mit einer Gesamtlänge von 180 Minuten sind Soldaten beim Nacktbaden, Offiziere mit ihren Pferden stolz posierend und die vermeintlich korrekte Behandlung von Kriegsgefangenen zu sehen. Neben vereinzelten Darstellungen von zerstörten Städten wurden auch verendete Tierkadaver am Straßenrand festgehalten. Das Ausmaß der Brutalität dieses Krieges wird jedoch nicht sichtbar. Die Aufnahmen waren dabei nicht als Propaganda-Material im Dienst des Nationalsozialismus gedacht, sondern für die Vorführung im Familien- und Bekanntenkreis. Das Filmmaterial, das lange Zeit im Haus der Eltern lagerte und 1981 dem Bundesarchiv übergeben wurde, ist in den 1990er Jahren vom Institut für den Wissenschaftlichen Film (IWF) in Göttingen wissenschaftlich aufgearbeitet worden. Clemens von Wedemeyer setzt sich als Videokünstler und Enkel des Urhebers mit dem Material auseinander, seziert es und setzt es wieder neu zusammen. Er untersucht den subjektiven, eklektischen Blick der Kamera und stellt Fragen nach Objektivität und Verfälschung. Mittels filmanalytischer Verfahren wie Slow-Motion, Voice-Over oder Montage kommentiert und kontextualisiert von Wedemeyer die Bilder. Was man nicht sieht zeigt ein in acht Kapitel gegliedertes Gespräch zwischen dem Künstler, dem Direktor des Neuen Berliner Kunstvereins Marius Babias und dem Kulturtheoretiker Klaus Theweleit. Während die Gesprächspartner vom Künstler ausgewählte Passagen des Originalmaterials sichten, ergänzen sie das Gesehene — in Entsprechung zum Titel der Arbeit — auf sprachlicher Ebene, indem sie Themen wie Kriegstourismus, den Umgang mit Kriegsgefangenen oder die Selbstdarstellung der Offiziere vor der Folie der Suggestivkraft dieser Bilder analysieren. Von Wedemeyer bedient sich in diesem Werk der klassischen Mittel des Dokumentarfilms — wie Voice-Over oder Einblenden von ergänzendem Fotomaterial. Durch diese Vorgehensweise werden im Sinne eines artistic research die Grenzen zwischen künstlerischer und dokumentarischer Arbeit bewusst verwischt.