accidents will happen


Still


1994, 00:07:30, PAL, Farbe, Ton, Z001 05


In der Videoarbeit accidents will happen entwirft Angela Zumpe ein dystopisches Bild der Gegenwart. Sie nutzt die ästhetischen Gestaltungsmöglichkeiten des Mediums in vielfältiger Weise: Der Einsatz von Paintbox und digitalen Effekten ermöglicht ein schichtenweises Übereinanderlagern von Bildern und die dreifache horizontale Aufteilung des Bildes im Splitscreen-Verfahren. Die dominierende Figur des Films, ein steinerner Engel mit zerstörtem Gesicht, kontrastiert Zumpe mit Aufnahmen von Sehnsuchtsräumen wie Meereslandschaften, Wäldern und Wiesen, mit Aufnahmen von Kindern und mit Katastrophen-Sequenzen von Flugzeug- und Hubschrauberabstürzen. Dabei greift sie auf Found Footage-Material aus den Beständen der US-amerikanischen National Broadcasting Company (NBC) zurück. Wesentliches Element der Arbeit ist neben der bildgewaltigen Collage der eingesprochene Text, der tief in der europäischen Kulturgeschichte wurzelt: Zum einen zieht Zumpe Fragmente aus Walter Benjamins neunter These in Über den Begriff der Geschichte (1940) heran, die in Reflexion auf Paul Klees Zeichnung Angelus Novus (1920) und unter dem Eindruck der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft vom „Engel der Geschichte“ handelt. Zum anderen nutzt Zumpe Textpassagen aus Heiner Müllers Gedicht Der glücklose Engel (1958), den der Dichter in Erweiterung Benjamins als zwischen dem „Geröll der Vergangenheit“ und der „gestauten Zukunft“ eingekeilt beschreibt. In Anlehnung an die beiden Texte entwickelt Zumpe das Leitmotiv ihrer Videoarbeit: den steinernen Engel. Dabei erweitert sie ihren künstlerischen Ansatz um einen technologiekritischen. Was sich als scheinbarer Widerspruch zwischen technologischem Fortschritt und technikbedingten Katastrophen darstellt, erweist sich als Teil gesellschaftlicher Risikoentwicklung. Zumpes Werk steht für eine solche gesellschaftskritische Befragung von Technologie bei gleichzeitigem hohen technischen Niveau und mannigfaltigem Bildeinsatz.