The Oral Thing


Still


2001, 00:08:00, PAL, Farbe, Ton, M001 09


Während in der Frühphase der deutschen Videokunst das Fernsehen vor allem als
„Staatsfernsehen“ ideologiekritisch reflektiert wurde, analysiert Melhus – als Angehöriger der ersten KonsumentInnengeneration des Privatfernsehens in Europa – in seinen Videoarbeiten die in der Gegenwart vollzogene Durchkommerzialisierung des Fernsehens und die Konsequenzen auf das Verhältnis zwischen dem Medium und seinen ZuschauerInnen. Ausgehend von der Annahme, dass eine virtuelle Medienwirklichkeit die Lebenswelt zunehmend durchdringt oder ersetzt, nimmt Melhus in seinen Werken Bezug auf verschiedene TV-Figuren und Fernsehformate, deren Kalkül und intendierte emotionale Wirkung er durch Hypertrophierung entlarvt. In
The Oral Thing bezieht sich Melhus auf die primitive und repetitive Natur bestimmter Sendungen: In einer surreal anmutenden Szenerie parodiert er das (typisch amerikanische) Phänomen der Fernsehpredigt, aber auch den omnipräsenten Werbespot und die Talk-Show. Sämtliche Dialoge entstammen dabei der amerikanischen Maury-Povich Day Time Talk Show wie Melhus auch das Verhalten der grotesken ProtagonistInnen, die Inszenierung der Publikumsreaktionen und die dramatische Form des Jingles der Talk-Show-Praxis entlehnt. Indem Melhus in dieser „Folge“, in der das delikate Thema Inzest in einem sozial desolaten Umfeld gebeichtet werden soll, sowohl die Rolle des Talkmasters, den er wie einen Prediger charakterisiert, als auch der kindlich anmutenden Talk-Gäste und das uniform skizzierte Publikum verkörpert, konfrontiert er uns mit der Ambiguität der Geschlechterrollen und der fast obszönen Brutalität der Fernseh-Normalität. Die Videoarbeiten von Bjørn Melhus bedienen sich auf ironische Art und Weise der Inhalte und Formen der Trash- und Massenkultur, aber auch der Inszenierungen von Nachrichten, denen er sich ideologiekritisch nähert. Indem der Künstler die diversen Rollen und Charaktere – aus Fernsehshows, Kinderfilmen und der Spielzeugwelt der 1980er Jahre – meist selbst verkörpert, verweist er auf die Austauschbarkeit klischierter Fernsehidentitäten, aber auch auf das „Ich bin viele“ des virtuellen Zeitalters.