Desastres


Still


1972, 00:44:37, PAL, Farbe, Ton, V011 01


Vostell war Mitbegründer der europäischen Happening-Kunst und maßgeblich an der Fluxus-Bewegung beteiligt. Er gehörte zu den ersten internationalen Video- künstlerInnen. Bekannt wurde Vostell in den 1950er Jahren durch seine Dé-coll/age-Aktionen. Im Neuen Berliner Kunstverein trat Vostell erstmals 1971 als Mitinitiator der damaligen Videothek auf und war an zahlreichen Ausstellungen beteiligt. 1975 wurde er mit einer Retrospektive in Kooperation mit der Neuen Nationalgalerie in Berlin gewürdigt. 1972 entstand die Koproduktion Desastres, sein erster längerer 16mm-Film, der mit unterschiedlichen Bildressourcen arbeitet: Archivmaterial, dokumentarische Aufnahmen, Vostells Betonskulpturen und surreale Szenarios. Desastres liest sich wie eine Annäherung an die Brutalität einer postnazistischen geteilten deutschen Gegenwart. Konstant ist ein Herzschlag zu hören, zeitweilig übertönt von Frequenzstörungen und Männerstimmen. Parallel legt Vostell dazu eine zum Teil überblendete Bilderfolge an, in der sich viele Sujets finden, die seine Kunst in den folgenden Jahren bestimmen werden: historische Fotos von NS-Opfern, Aufnahmen von den Grenzanlagen zur DDR und der Berliner Mauer. Bestimmt wird der Film zudem von einem eigenwilligen Gebrauch von Beton. Eine Frau liegt nackt in einem Zugabteil und immer neue Körperteile werden „festbetoniert“. Auf dem Fensterbrett schwimmt in einem Goldfischglas ein Gehirn. Vostell entblättert in Desastres rücksichtslos die deutsche Geschichte seit 1933. Der Film markiert einen künstlerischen Meilenstein in Vostells Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Ausnahmezustand – durch Krieg und Gewaltherrschaft sowie durch Geschichtsklitterung und -vergessenheit – und dessen Übersetzung in einen Neuen Realismus in der Kunst.