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Tiefebene hochkant - Aktuelle Kunst aus Ungarn
Ausstellung: 11. März bis 23. April 2006
Eröffnung: 10. März 2006, 19 Uhr
Emese Benczúr, Marcell
Esterházy, Pál Gerber, Gergely László/ Péter Rákosi ,
Anikó Loránt,
Gábor Ősz, the RandomRoutines
Kuratoren: Barnabás Bencsik und
Lívia Páldi, Budapest
Mit
dieser
Ausstellung setzen wir unsere regelmäßigen Untersuchungen
der ostmitteleuropäischen Kunst der Gegenwart fort. Angesichts der
vor zwei Jahren vollzogenen EU-Integration unserer östlichen
Nachbarstaaten ist es noch dringlicher geworden, die kulturellen Folgen
der langen politischen Trennung zu überwinden und das bestehende
Verhältnis von Zentrum und Peripherie im europäischen
Kulturleben angesichts der fortschreitenden Normalisierung zu
überdenken. Der Ausstellungstitel ist eine Metapher, die durch
seine Wortwahl zuerst mit dem Klischee der ungarischen Puszta-Romantik
spielt, um im folgenden darauf hinzuweisen, dass eine ansonsten leicht
zu übersehene Fläche – auch im kulturellen Sinne wie in
unserem Fall auf dem Gebiet der zeitgenössischen Kunst –
aufrecht zu stellen ist, damit man nicht so leicht über sie
hinwegsehen kann. Die unsichtbare „Mauer der Nichtwahrnehmung“ – eine
Formulierung von Eckart Gillen und Matthias Flügge anlässlich
ihrer Ausstellung „E.U. positive. Kunst aus dem neuen Europa“ –
soll mit der Wahrnehmung der unübersehbaren Präsenz einer
lebendigen Kunstszene dieser Länder in der Gegenwart ersetzt
werden. Mit dem Attribut ”aktuelle Kunst“ verweist der Untertitel
außerdem auf eine Auswahl von Künstlern und
Künstlerinnen, die erst seit der Wende aktiv künstlerisch
tätig sind und somit Zeugen und Mitgestalter einer Periode des
Umbruchs in Ungarn waren und weiterhin sind.

Emese
Benczúr: NEVER CLOSE ENOUGH TO THINGS, Rauminstallation, 2005
Die ungarische Kunst der Gegenwart ist von einem für das globale
Kunstgeschehen allgemein gültigen Pluralismus geprägt, sie
spricht ihre gemeinsame internationale Sprache. Es ist nicht
möglich, ihre Vielfalt auf einen Nenner zu bringen oder einen
dominierenden Trend zu definieren, folglich ist unsere Ausstellung
ebensowenig in der Lage dazu. Trotzdem versucht sie einige
vorherrschende Tendenzen, sowie sich an bestimmten Kraftlinien entlang
erstreckende Strömungen an sieben Beispielen aufzuzeigen. Eines
ihrer spezifischen Merkmale ist die Öffnung der Privatsphäre
in Richtung des öffentlichen Raums, die Ausdehnung der
Kommunikation von der Zurückgezogenheit des Ateliers in den
gemeinschaftlichen Zusammenklang von Ideen und Praktiken. So stehen
beispielsweise Anikó Loránts tagebuchartige Zeichnungen
und ihre Präsentationsform modellhaft für die Wechselwirkung
von Intimsphäre und Öffentlichkeit. Ähnlich
verkörpern auch die anderen teilnehmenden Künstler
verschiedene Facetten des In-Bezug-Setzens des Individuellen zum
Gemeinschaftlichen, ob es sich zum Beispiel um Emese Benczúrs
Noppenfolie-Installation handelt, die ein industrielles Billigprodukt
zum Träger ihrer persönlichen Befindlichkeit im Alltag
verwandelt, oder um Pál Gerbers ironische Untersuchung über
das Verhältnis zwischen dem künstlerischen Bestreben eines
Einzelnen und dessen kollektiver Wirkung. Mit Ironie suchen die
fotografischen Arbeiten von Gergely László in der
regionalen Geschichte ihre Verwurzelung und mit lyrischer Beschreibung
erweitern die camera obscura-Aufnahmen von Gábor Ősz
ihre Beobachtungen in eine größere geopolitische
Dimension. Die Installation der Gruppe The RandomRoutines
entführen uns mit aus schlichtem Material gebauten, ganz realen
Requisiten in eine surreale Welt und Marcell Esterházys
Videoinstallation spielt mit unserer Sehnsucht nach vergangenen Zeiten.
Dem aufmerksamen Betrachter wird es nicht entgehen, dass sich hier eine
Künstlergeneration zu Wort meldet, die einen tiefgreifenden
gesellschaftlichen Wandel durchlebt und dabei ist, dafür den
adäquaten künstlerischen Ausdruck zu finden.
Unsere Ausstellung wurde von drei Tatbeständen begünstigt.
Zuerst beschloss das Ungarische Ministerium für Nationales
Kulturerbe, 2006 ein Kulturjahr mit der Bezeichnung „Ungarischer
Akzent“ in Deutschland durchzuführen und auf die Initiative von
Barnabás Bencsik und József Mélyi unser Projekt
ins Programm aufzunehmen, sowie es finanziell zu unterstützen. Des
weiteren fand mit der Ernennung Zsolt Petrányis zum Direktor der
Kunsthalle in Budapest ein Generationswechsel statt, der uns nicht nur
deren Kooperation und organisatorische Hilfe erbrachte, sondern uns
auch ermöglichte, die Mitarbeit ihres neuen jungen Kuratorenteams,
Lívia Páldi und Edit Molnár, in Anspruch zu
nehmen. Ebenso war uns das Collegium Hungaricum Berlin vor Ort
organisatorisch behilflich. Schließlich erhielten wir von der
Allianz-Kulturstiftung, die sich gegenwärtig für die junge
osteuropäische Kunst verstärkt engagiert, eine
großzügige Förderung.
In unserer
Veranstaltungsreihe „Treffpunkt NBK“ werden während der
Ausstellungslaufzeit drei Mittwochabende (jeweils 19 Uhr) dem Thema
gewidmet:
15.
März 2006
„Contemporary art in Hungary in international context“
Vortrag von Edit Molnár,
Kunsthalle Budapest
22.
März 2006
„Nofretetes Körper“. Ein Gespräch des ungarischen
Künstler-Duos Kis
Varsó (András
Gálik und Bálint
Havas)
über ihr Biennale-Projekt 2003 mit Aneta Szylak, Gdansk und Edit
András, Budapest
29.
März 2006
„Videokunst aus Ungarn“ vorgestellt von Kati Simon,
Leiterin der Dorottya Galerie des Ernst Museums, Budapest
– eine Veranstaltung des Video-Forums –<

