German Angst



Ausstellung: 20. September - 2. November 2008
Eröffnung: Freitag, 19. September 2008, 19 Uhr

Hartmut Bitomsky
Nils Bökamp / Sebastian Heidinger
KP Brehmer
Eduard Constantin
Antje Engelmann
Amir Fattal
Hans Haacke
Edgar Hilsenrath
Thomas Hirschhorn
Käthe Kruse
Andreas Slominski
Marlene Streeruwitz
Lawrence Weiner / Peter Gordon

Kurator: Marius Babias
In Kooperation mit der Akademie der Künste, Berlin


Installationsansicht: Thomas Hirschhorn, Black & White Hemisphere, 2008

© Neuer Berliner Kunstverein n.b.k., Jens Ziehe, 2008

Die mit der Wiedervereinigung 1990 gewonnene „nationale Souveränität“ Deutschlands wird zum Ausgangspunkt der künstlerischen, filmischen und literarischen Befragungen des Selbstbildes des „Deutschen“ heute. KünstlerInnen, Filme-macherInnen und LiteratInnen aus dem In- und Ausland sind eingeladen, sich mit der „Normalisierung“ deutsch-deutscher Geschichte zu befassen und zusammen ein transkulturelles Deutschlandbild abseits von Selbstbereinigung der eigenen Geschichte und Identitätsstiftung zu entwerfen. Die Beiträge fügen sich zu einem Parcours aus geschichtlichen Reflexionen und Alltagsbeobachtungen, biografischer Erzählung und filmischen Essays zusammen. Die Ausstellung zeigt Installationen, Filmprojektionen, Skulpturen und Videoarbeiten.

Die Vielfalt der Herangehensweisen zeigt sich in den unterschiedlichen Formaten und Medien. So entsteht eine Ausstellung, die in sich verschiedene Inszenierungen aufweist: einen cinematischen Raum (Bitomsky, Bökamp / Heidinger) neben Videoprojektionen (Constantin, Engelmann, Fattal, Streeruwitz), ein literarisches Informationsdisplay (Hilsenrath) neben Materialiensammlung und einer Einzelpräsentation (KP Brehmer). Ergänzt werden die aktuellen künstlerischen Beiträge (Hirschhorn, Kruse, Slominski) von historischen Arbeiten (Haacke, Weiner). Welche Konjunkturen gesellschaftlicher Entwicklung werden von heute aus darin sichtbar? Wie hat das seit den 1990er Jahren aufgekommene neue Selbstbewusstsein Deutschlands die Vergangenheitsbewältigung verändert? Ausstellung und Kunstvermittlungsprogramm öffnen einen politischen Raum, der zum künstlerischen und gesellschaftlichen Widerstreit einlädt.


Informationsdisplay

Auf dem Display „Ellen“ (2008) der Künstlerin Silke Wagner liegen zu allen beteiligten Künstlerinnen und Künstlern Materialien, Kataloge, Portfoliosund weitere Publikationen aus. Die Sitzgruppe „Sasha“ (2007) ist eine Leihgabe der Berliner Künstlerin Barbara Steppe.

Die Intervention „nationalism reloaded“ (2005/2008) der KünstlerInnen Jenny Hauke, Lydia Hamann, Katja von Helldorf, Henrik Dinkelaker und John Dunn befasst sich in einer Text-Bild-Collage mit dem Nationalismus in Deutschland und dem Prozess seiner Modernisierung seit 1990 bis heute. Mit Nationalismus wird dabei keinesfalls lediglich eine rechtsextreme Ideologie beschrieben, sondern eine die gesamte Gesellschaft umfassende.

Lawrence Weiner / Peter Gordon, DEUTSCHE ANGST (10:05 min);
Les Disques du Crépuscule, Belgien 1982

© Neuer Berliner Kunstverein n.b.k., Jens Ziehe, 2008


KP Brehmer

Ergänzend zum Beitrag „Korrektur der Nationalfarben gemessen an der Vermögensverteilung“ (1970) in der Ausstellung „German Angst“ werden im Showroom des n.b.k. (1. Etage) sogenannte „diagrammatische Arbeiten“ KP Brehmers aus den Jahren 1968–1979 gezeigt. Grafiken wie z. B. „Die wichtigsten Konzerne West-europas“ (1979) oder „Visualisierung politischer Tendenzen 1925/1932/1949/1969“ (1970/71) aus dem Nachlass, die bisher nicht öffentlich präsentiert wurden, unterstreichen das politische Anliegen des Künstlers. Brehmers Absicht war es, gesellschaftliche Entwicklungen und politische Tendenzen in der BRD aufzuzeigen und damit auch eine Kontinuität nationalsozialistischer Entwicklungen sichtbar zu machen. Zudem werden die Filme „Kleistfilm“(1978), „MaMa, drei Generation begegnen sich ...“ (1970) und „Walkings, Nr. 1-6“ (1969–70) aus der Sammlung des n.b.k. Video-Forum gezeigt. Mit KP Brehmer beginnt der n.b.k. eine Reihe mit Werkpräsentationen im neu eingerichteten Showroom im ersten Stock. KP Brehmers Werk wird 2009 in der Hamburger Kunsthalle mit einer Retrospektive gewürdigt.

Der Showroom ist Dienstag / Donnerstag 14–20 Uhr und Mittwoch / Freitag 14–18 Uhr geöffnet.


Programm Kunstvermittlung

Die Ausstellung wird von einem umfangreichen Vermittlungsprogramm begleitet, das besonders die Entwicklungen in Berlin und Umgebung aufgreift. Zum Auftakt wird der Schriftsteller Edgar Hilsenrath (*1926) zusammen mit seinem Verleger Volker Dittrich Stationen eines bewegten jüdischen Lebens im Europa des 20. Jahrhunderts nachzeichnen. Biografisches vermischt sich mit Literatur zu einer Collage der Erinnerung an die Verfolgung jüdischen Lebens im Nationalsozialismus wie an den Verlust der Sprache im Exil, der letztlich eine späte Rückkehr nach Deutschland folgte.

Neben den Präsentationen filmischer Arbeiten der Ausstellung wird mit „German Gedenken“ der erinnerungspolitische Raum offizieller Gedenkarchitektur der Berliner Republik vermessen. Ein Gedenkparcours im Zentrum der Hauptstadt zeigt programmatische Architekturen aus sechs Herrschaftssystemen und führt in unterschiedliche Strategien des Holocaust-Gedenkens ein. Ausgehend von der „Neuen Wache“ bis zum „Mahnmal für die ermordeten Juden Europas“ werden so geschichtspolitische Interferenzen im urbanen Zusammenhang wahrnehmbar. Seit den 1990er Jahren begreift sich die Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen als „offener Lernort“ mit einem dezentralen Gesamtkonzept. Von 13 geplanten Dauerausstellungen sind derzeit 11 realisiert, die neue Hauptausstellung wurde im Frühjahr 2008 eröffnet. Das Krematorium, die ehemalige „Station Z“, ist nach den Plänen von HG Merz Architekten räumlich neu gefasst worden. Die Gestaltung wurde mehrfach national und international ausgezeichnet. Architektur und Ausstellungsdisplay folgen dabei einem neueren Kanon in der Ästhetisierung von NS-Geschichte nach der Wiedervereinigung.

Mit einem Konzert und einer Performance von Käthe Kruse / Die Tödliche Doris am 2. November 2008 endet die Ausstellung „German Angst“.


Donnerstag, 25. September 2008, 19 Uhr

Verliebt in die deutsche Sprache
Lesung und Gespräch mit Edgar Hilsenrath (Autor) und Volker Dittrich (Verleger)

Sonntag, 28. September 2008, 15-17:30 Uhr

German Gedenken - Parcours einer Bewältigung Berlin-Mitte
Stadtrundgang mit Felix Fiedler (Kunsthistoriker) und Sophie Goltz (Kommunikation/Kunstvermittlung n.b.k.)

Anmeldung erwünscht unter E-mail kunstvermittlung@nbk.org oder Telefon +49 (0)30 280 70 20

Donnerstag, 2. Oktober 2008, 19 Uhr

Deutschland-Trilogie
Deutschlandbilder (BRD 1984), Reichsautobahn (BRD 1986), Der VW-Komplex (BRD 1990)
Filmpräsentation und Gespräch mit Hartmut Bitomsky (Filmemacher) und Marius Babias (Direktor n.b.k.)

Donnerstag, 9. Oktober 2008, 19 Uhr

Drifter, Dokumentarfilm, D 2007, 80 min und Lichtenberg, Kurzfilm, D 2007, 11 min
Screening und Gespräch mit Nils Bökamp (Produzent) und Sebastian Heidinger (Filmemacher)

Samstag, 11. Oktober 2008, 10-14:30 Uhr

German Gedenken - Ort einer Bewältigung Gedenkstätte Sachsenhausen
Rundgang mit Ralph Gabriel (Architekturhistoriker für KZ-Forschung) und Sophie Goltz

10 Uhr Treffpunkt Neuer Berliner Kunstverein. Hin- und Rückreise mit dem Bus.
Anmeldung erforderlich unter E-mail kunstvermittlung@nbk.org oder Telefon +49 (0)30 280 70 20

Donnerstag, 23. Oktober 2008, 19 Uhr

Hegemonie im Kunstfeld. Die documenta-Ausstellungen dX, D11, d12 und die Politik der Biennalisierung
Lesung und Diskussion mit Oliver Marchart (Philosoph)

Sonntag, 2. November 2008, 20 Uhr

Käthe Kruse / Die Tödliche Doris
Konzert und Performance