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Ortsbegehung 12
Reality in general is almost unavoidable
Anna
Gollwitzer, Patrick Rieve, Kirstine Roepstorff
Gastkurator: Bernd Milla
Ausstellung:
8. Juli - 20. August
2006
Eröffnung: 7. Juli 2006, 19
Uhr
Unter dem Ausstellungstitel Reality in general is almost unavoidable
beschäftigen sich Anna Gollwitzer, Kirstine Roepstorff und Patrick
Rieve mit politischen und soziologischen Fragestellungen unserer
Gegenwart. Die künstlerische Produktion der vorgestellten
Positionen ist vordergründig an einer äußeren
ästhetischen Erscheinungsform interessiert und orientiert sich an
der Populärkultur. Im Sinne einer Strategie der "poetic politics"
wird die politische und kulturelle Realität, die sich hinter der
schönen Oberfläche befindet, sichtbar gemacht. Dies geschieht
durch verschiedene Medien wie performative Skulptur (Anna Gollwitzer),
Collage (Kirstine Roepstorff) und Zeichnung (Patrick Rieve).
Kirstine Roepstorff verarbeitet in ihren Collagen gefundenes
Bildmaterial aus Magazinen und Zeitschriften. Auf den ersten Blick
zeigen diese Arbeiten eine fast kitschige Oberflächenstruktur, die
mit Glitterpartikeln und anderen dekorativen Elementen
übersät ist. Betrachtet man aber ihre Arbeiten genauer, so
erkennt man eine kritische Auseinandersetzung mit den politischen,
kulturellen und ökonomischen Systemen der Gegenwart, die
stufenweise erscheinen und die gesellschaftliche Realität zeigen.
Für die Ausstellung im Neuen Berliner Kunstverein wird in zwei
ortsspezifisch entwickelten, großformatigen Wandarbeiten
untersucht, wie eine aktuelle Kunstproduktion politische Utopien
ästhetisch begreifen und reflektieren kann.

Kirstine Roepstorff: Fist of loss, 2006
Mixed-media collage in multiple parts, dimensions vary with installation
Courtesy Peres Projects Los Angeles Berlin
Die Hinterfragung gesellschaftlicher Prozesse findet bei Anna
Gollwitzer durch die Transformation von Sprache in eine bildhafte und
skulpturale Ebene statt. Ihre Arbeiten sind bestimmt von einem tiefen
Interesse an philosophischen, psychologischen und kultursoziologischen
Diskursen. Worte werden bei ihr zu Skulpturen, zu Zeichen im Raum und
zur gleichsam sinnlich erfahrbaren Konkretisierung von Sprache. Neben
der Skulpturengruppe “Satzzeichen" und der "Knownowtüre" wird Anna
Gollwitzer für die Ausstellung im Neuen Berliner Kunstverein
eigens eine Folge ihrer seit 1998 erscheinenden “talktv"-Serie
produzieren. Im Format einer Talkshow lädt Gollwitzer Gäste
ein, die an den Grenzen des Kunstdiskurses agieren. Der aktuelle
Themenschwerpunkt bei "talktv" liegt in der prekären Situation von
Freiberuflern sowie der Umordnung des Feminismus zum Popfeminismus.

Anna Gollwitzer: Skulpturengruppe - Satzzeichen, 7-teilig, 2003
Patrick Rieve greift die Formensprache amerikanischer Comics aus den
40er/50er Jahren auf. Ein zentraler Aspekt seiner Arbeit ist die
Aneignung von Räumen. Auch sein Katalogbeitrag ist eine
publizistische Erweiterung der Ausstellung. Die hauptsächlich in
schwarz-weiß gehaltenen Blätter haben den Charakter von
detailgetreuen Architekturzeichnungen. Rieve kartiert durch sie in
einem ständigen Perspektivwechsel seine Umgebung und verortet sich
darin selbst. Er zeichnet exakte Grund- und Aufrisse des Hauses - in
dem er einige Zeit mit Freunden lebte - mitsamt Mobiliar und erfindet
weitere Räume hinzu. Im Fokus steht sein eigener Lebensraum, den
er in immer wieder wechselnden Auf-, An- und Innensichten darstellt,
bis hin zu einer “Being-John-Malkovich"-Perspektive aus den
Augenhöhlen heraus. Der Arbeitstitel der Ausstellung
“Ortsbegehung" erhält bei Patrick Rieve eine wörtliche
Bedeutung. Im Vorfeld der Ausstellung erforschte er detektivisch alle
möglichen Zugänge zum Neuen Berliner Kunstverein von den
umliegenden Gebäuden und Straßen aus. Je bewusster er dem
Betrachter diese Zugänglichkeit macht, desto bedrohlicher wirkt
sie.

Patrick Rieve: Existenz, 2006
Zur Ausstellung, die vom 12. bis 31. Dezember 2006 auch im Kunstverein
Göttingen gezeigt wird, erscheint ein zweisprachiger Katalog zum
Preis von 10 Euro.